Kindergartenfotografie: meist noch in der analogen Zeit verhaftet

felix

Ein Beitrag von den Schnappschützen, Köln

Wer Kinder hat, kennt auch die berühmt und inzwischen fast berüchtigten Kindergartenmappen. In ihnen findet man 1 Motiv abgezogen auf 16 Sticker, 4 Passfotos, 1 DIN A 5 Poster, 1 DIN A6 Abzug in sepia und sw, dazu ggf. ein Schlüsselanhänger oder sonstige Spielereien. Die Mappen kosten üblicherweise so etwas um die 20€ – 25€ und mittels eines aufwändigen Bestellverfahrens, die die Kindergartenleiter den letzten Nerv rauben, bezahlt. Diese Mappen stammen aus einer analogen Zeit, in der der Fotograf an Abzügen verdient hat. In der digitalen Neuzeit allerdings sind sie kaum noch zeitgemäß, wo Individualisierung boomt und Bilder schneller die Smartphones verlassen um mit der Welt geteilt zu werden, als dass sie gerahmt im Wohnzimmer hängen. Das eigentlich Veraltete aber ist der Ablauf des Shootings. Zu analogen Zeiten mussten die Kinder still vor einer Fototapete sitzen, damit der Fotograf Licht und Ausschnitt genau planen konnte. Nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Filme teuer sind und jedes gemachte Bild kostet.

Heute fotografiert jedes Studio digital, es tut also niemandem weh, wenn ein Foto verschossen wird. Trotzdem erfolgt ein Umdenken nur zögerlich. Denn die Kinder werden immer noch vor eine Fototapete gesetzt und man verlangt ihnen ab, statisch ruhig zu sitzen und innerhalb weniger Augenblicke glaubhaft in die Kamera zu lächeln. Die Taktung ist streng durchkalkuliert, jeder muss mitziehen, damit das System nicht kollabiert. Man gibt den Kindern gerade mal 7 Minuten Zeit, um sich an den fremden Menschen hinter der Kamera zu gewöhnen, um sich mit der ungewohnten Situation vertraut zu machen, das Blitzlicht zu ignorieren und die unnatürliche Haltung gegen ihren Spieldrang aufrecht zu erhalten, dabei auf Kommando glücklich lächelnd. Der Stress für Kinder, Kindergartenleiter und Fotograf ist vorprogrammiert. Nicht selten sieht man das später den Fotos auch an. Dabei könnte die digitale Technik Erleichterung für alle schaffen.

Die Kinder bekommen einen Rahmen, in dem sie sich frei bewegen können. Sie können mit Luftballons spielen oder zu Musik tanzen, während der Fotograf die fotogenen Momente sieht und einfängt. Oftmals entstehen die schöneren Fotos, wenn die Kinder gerade nicht in die Kamera schauen, sondern versuchen, mit glühenden Wangen den Luftballon zu fangen. Für den Fotografen wird der Job komplexer, denn glückliche Kinder sind lebhaft. Ihre Aufmerksamkeit zu binden erfordert Einfühlungsvermögen und Animationstalent. Das Fotografieren wird beinahe hauptsächliche Nebensache. Er muss also schnell sein, flexibel und allzeit geduldig freundlich. Er muss bereit sein, zugunsten des Wohlfühlklimas die Kalkulation auch mal kippen zu lassen, wenn Kinder länger für die Eingewöhnung brauchen als andere. Bekommt er das aber hin, werden sich Eltern und Kinder und Kindergartenleitung gerne an den Fotografen erinnern – und ihn Jahr für Jahr für Jahr anfordern.